Ich war mitten in meinem Städtetrip: Jeden Tag lief ich einen Marathon in einer anderen deutschen Stadt. Den Weltrekord für die meisten Marathons in Folge hatte ich da längst gebrochen, am Ende wurden es 459. Am 6. August 2026, bei Marathon 432, kamen die ersten Beschwerden am Schienbein – obwohl meine Kilometer in den Wochen davor gar nicht gestiegen waren.
Mein erster Gedanke war Angst. Ich hatte schon einmal einen Ermüdungsbruch, und genau so etwas konnte ich mitten in der Serie am wenigsten gebrauchen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass sich dieser Schmerz anders anfühlte.
Im Nachhinein wollte ich es genau wissen: Hätten meine Daten mich warnen können? Ich habe zusammen mit meinem Running Data Lab rund sieben Monate Laufdaten auseinandergenommen. Die naheliegenden Verdächtigen waren es nicht. Die Spur, die übrig blieb, war wochenlang sichtbar – und trotzdem ist sie kein Beweis. Genau das zeige ich dir hier, mit allen Zahlen und allen Grenzen.
- Kilometerumfang, Höhenmeter, Schlaf, Ruhepuls und klassische Ermüdungszeichen haben die Beschwerden nicht angekündigt.
- Ab Mai lief ich flacher, häufiger auf Asphalt und gleichzeitig schneller: Die Pace auf flachen Kilometern sank von 6:25 auf 5:44 min/km.
- Die Flat-Asphalt-Last lag am 3. August rund doppelt so hoch wie das Maximum aus Januar bis April.
- Bereits Wochen vor den ersten Beschwerden lagen die rollierenden Flat-Asphalt-Werte deutlich über dem Niveau des Frühjahrs.
- Das ist ein Kandidatensignal aus einem einzigen Fall. Es beweist keine Ursache und ist kein Verletzungsprädiktor.
- Ich bin mit Schmerzen bis Marathon 459 weitergelaufen. Ohne das Ziel, die Marathonserie fortzusetzen, hätte ich sofort aufgehört – und würde jedem davon abraten.
Teilweise ja. Vor meinen ersten Schienbeinbeschwerden am 06.08.2026, mitten im Städtetrip mit täglich einem Marathon, zeigten meine Laufdaten ein ungewöhnliches Muster: viel mehr flache Kilometer auf Asphalt bei gleichzeitig höherem Tempo. Diese Flat-Asphalt-Last, summiert über 14, 28 und 42 Tage, lag schon Wochen vorher deutlich über dem Niveau des Frühjahrs. Am 03.08. erreichte sie das 1,9- bis 2,2-Fache des Frühjahrsmaximums. Gesamtkilometer, Höhenmeter, Schlaf und Ruhepuls zeigten dagegen nichts Auffälliges. Weil es nur ein einziges Ereignis gibt, ist das ein retrospektives Kandidatensignal, kein Beweis für eine Ursache.
Die Ausgangsfrage: Was zeigten meine Daten vor dem 6. August?
Der erste Tag mit Beschwerden ist der 6. August 2026. Für die Analyse ist das Tag null. Die wichtigste Regel: Es zählen nur Daten, die vor diesem Tag existierten. Einen einzelnen Lauf im Nachhinein zur „Ursache“ zu erklären, wäre leicht – und wertlos.
Welche Daten ich ausgewertet habe
- COROS-Kilometerdaten: Pace, Herzfrequenz, Kadenz, Power und Steigung für jeden einzelnen Kilometer.
- GPX-Tracks: die originalen Streckenpunkte von 217 Aufzeichnungen zwischen 01.01. und 03.08.2026. Damit ist jeder der 215 Tage abgedeckt; an zwei Tagen ist der Marathon in zwei Aufzeichnungen gespeichert.
- OpenStreetMap: Zu jedem kleinen Streckenabschnitt der Untergrund – Asphalt, sonstig befestigt, Schotter, Naturboden oder unbekannt.
- Apple Health: Ruhepuls und Schlaf.
Alle Läufe stammen aus dem Städtetrip, also aus täglichen Marathons von Stadt zu Stadt. Unbekannte Oberflächen habe ich nicht als Asphalt gezählt, sondern herausgelassen. Für den 4. und 5. August lagen keine passenden GPX-Daten vor.
Alle Kilometerdaten in dieser Analyse stammen von meiner COROS-Uhr, die ich seit 2022 trage. Sie sagt keine Verletzungen voraus – aber ohne diese Daten wäre die Auswertung nicht möglich gewesen.
Die falschen Fährten
Zuerst habe ich die üblichen Verdächtigen geprüft. Keiner hat überzeugt.
- Gesamtdistanz: kein Anstieg. Ich lief ohnehin jeden Tag einen Marathon.
- Höhenmeter: vor den Beschwerden eher weniger als vorher.
- Bergab-Kilometer: kein auffälliger Ausschlag.
- Schlaf und Ruhepuls: leichte Auffälligkeiten, aber viele andere Tage sahen genauso aus.
- Herzfrequenz- und Pace-Drift: in den untersuchten Kennzahlen kein eindeutiger Ermüdungseinbruch.
- Die letzten 7 Tage: nicht außergewöhnlich. Kurzfristig war nichts zu sehen.

Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig. Es gab keinen einen Tag, an dem ich „übertrieben“ habe.
Der Wendepunkt: flacher und immer mehr Asphalt
Ab Mai änderte sich, wo ich lief. Der Asphaltanteil stieg von rund 63 Prozent im April auf rund 76 Prozent im Juni und Juli. Rechnet man sonstige befestigte Wege dazu, waren es fast 88 Prozent.

Gleichzeitig wurden meine Strecken flacher. Bei fast gleicher Gesamtdistanz hat sich die Zahl der flachen Kilometer mehr als verdoppelt: von 480 km im April auf 1.146 km im Juni und 1.194 km im Juli.
Das passt zur Route des Städtetrips: Im Sommer führte sie durch Norddeutschland, unter anderem durch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Flaches Land, und zwischen den Städten vor allem Straßen.
Gleichzeitig wurde ich schneller
Auf den flachen Kilometern lief ich nicht nur mehr, sondern auch schneller. Von April bis Juli sank meine mittlere Pace von 6:25 auf 5:44 min/km. Die von der Uhr geschätzte Power stieg von 166 auf 184 Watt, die Schrittfrequenz von rund 160 auf 171 Schritte pro Minute. Die Herzfrequenz stieg dabei nur von 122 auf 129 Schläge pro Minute.


Das ist der eigentliche Kern: Eine ohnehin extreme Belastung wurde flacher, gleichförmiger und schneller – alles zur selben Zeit.
Die stärkste Spur: die Flat-Asphalt-Last über Wochen
Um das greifbar zu machen, habe ich eine Kennzahl gebildet: Flat-Asphalt-Kilometer. Das sind alle Asphalt-Abschnitte auf Kilometern, die COROS als flach einstuft. Diese Kilometer habe ich über 14, 28 und 42 Tage aufsummiert.

Im Frühjahr pendelten alle drei Kurven in einem stabilen Bereich. Bereits Wochen vor den ersten Beschwerden lagen die rollierenden Flat-Asphalt-Werte deutlich über dem Niveau des Frühjahrs.
Auffällig ist auch, was danach passierte – oder besser: was nicht passierte. Die Last stieg kaum noch weiter, blieb aber über Wochen auf diesem hohen Niveau. Die Beschwerden kamen also nicht nach einem letzten Ausreißer, sondern nach langer Zeit auf hohem Niveau.


Am 3. August, drei Tage vor den Beschwerden, lagen die Werte bei 394 km in 14 Tagen, 719 km in 28 Tagen und 1.064 km in 42 Tagen. Die Höchstwerte aus Januar bis April waren 212, 377 und 491 km. Das ist das 1,9- bis 2,2-Fache. Wichtig: Den Vergleichszeitraum Januar bis April habe ich im Nachhinein gewählt. Das ist deshalb ein beschreibender Befund, keine geprüfte Warnschwelle.
Was meine Daten zeigen – und was nicht
Das kann ich mit den Daten sagen
- Vor den Beschwerden lag über Wochen ein ungewöhnliches Belastungsmuster vor.
- Die Flat-Asphalt-Last über 14 bis 42 Tage ist das stärkste Signal, das ich gefunden habe.
- Im Frühjahr gab es keinen vergleichbaren Zustand.
Das kann ich nicht sagen
- dass Asphalt meine Beschwerden verursacht hat,
- dass sich solche Verletzungen damit zuverlässig vorhersagen lassen,
- wie hoch mein Verletzungsrisiko in Prozent war.

Wie belastbar ist das?
Ehrlich gesagt: begrenzt. Es gibt genau ein Ereignis. Mit einem Fall lässt sich kein Vorhersagemodell prüfen. Dazu kommt, dass die Idee an denselben Daten entstanden ist, an denen sie getestet wurde. Das macht Zufallstreffer wahrscheinlicher.
Weitere Grenzen:
- Für 2025 lagen keine GPX-Daten vor. Ein unabhängiges Vergleichsjahr fehlt.
- OpenStreetMap ist lückenhaft. Unbekannte Abschnitte fehlen in der Rechnung.
- Untergrund und COROS-Kilometer sind über die Position im Lauf verbunden, nicht punktgenau per GPS.
- Schuhe, Biomechanik, Schmerzverlauf und Härteunterschiede innerhalb von „Asphalt“ sind nicht erfasst.
Auch die Forschung ist hier vorsichtig. Zwei Metaanalysen zum Schienbeinkantensyndrom nennen als belegte Risikofaktoren vor allem weibliches Geschlecht, höheres Körpergewicht, einen stärkeren Navicular Drop und ein früheres Schienbeinkantensyndrom. Der Untergrund taucht dort nicht als gesicherter Faktor auf. Meine Daten widersprechen dem nicht. Sie zeigen nur, dass sich bei mir mehrere Dinge gleichzeitig verändert haben.
Fazit: Was ich daraus mitnehme
Meine Daten haben die Verletzung nicht vorhergesagt. Aber sie zeigen rückblickend ein Muster, das ich während des Projekts nicht gesehen habe: Über Wochen lief ich flacher, häufiger auf Asphalt und schneller – und das bei unverändert hoher Gesamtdistanz. Die Kilometer allein hätten mich nie gewarnt.
Ich bin trotz der Beschwerden weitergelaufen, jeden Tag, bis Marathon 459 am 2. September. Dann ging es nicht mehr: Ich hatte Schmerzen schon beim Gehen und musste die Serie beenden. Nach einem MRT stellte mein Arzt fest: kein Ermüdungsbruch, sondern eine Knochenhautentzündung. Danach habe ich jeden Tag meine Physio-Übungen gemacht und bin nur leicht spazieren gegangen. Nach einem Monat waren die Beschwerden vollständig verschwunden.
Ehrlich gesagt: Ohne das Projekt hätte ich sofort aufgehört und wäre wahrscheinlich direkt zum Arzt gegangen. Ich war aber im Wettkampfmodus und hatte gehofft, die letzten Marathons noch zu schaffen. Ich würde jedem davon abraten, mit solchen Schmerzen weiterzulaufen.
Entscheidungshilfe: Was du aus meinem Fall mitnehmen kannst
- Schau nicht nur auf deine Wochenkilometer. Gleiche Distanz kann eine ganz andere Belastung sein.
- Achte auf mehrere Veränderungen gleichzeitig: Untergrund, Profil und Tempo.
- Vergleiche über Wochen, nicht über Tage. Bei mir war die letzte Woche unauffällig.
- Schmerzen am Schienbein gehören ärztlich abgeklärt. Meine Analyse ersetzt keine Diagnose und ist keine Trainingsempfehlung.
Für mein nächstes großes Projekt nehme ich mir vor, diese Werte von Anfang an genauer im Blick zu haben – nicht nur die Kilometer, sondern Untergrund, Profil und Tempo über mehrere Wochen.
Häufige Fragen zur Knochenhautentzündung beim Laufen
Was ist eine Knochenhautentzündung am Schienbein?
Der Begriff ist im Alltag üblich, medizinisch spricht man meist vom Schienbeinkantensyndrom (MTSS): belastungsabhängige Schmerzen an der Innenkante des Schienbeins. Dahinter steckt vor allem eine Überlastungsreaktion von Knochenhaut und Knochen. Ein MRT kann sie sichtbar machen und von einer Stressfraktur abgrenzen.
Kann man eine Knochenhautentzündung mit Laufdaten vorhersagen?
Nach heutigem Stand nicht zuverlässig. In meinem Fall zeigte sich rückblickend ein auffälliges Muster, aber ein einzelner Fall reicht nicht, um daraus ein Vorhersagemodell zu machen.
Verursacht Laufen auf Asphalt Schienbeinprobleme?
Das lässt sich aus meinen Daten nicht ableiten. Bei mir änderten sich Untergrund, Streckenprofil und Tempo gleichzeitig. In den großen Übersichtsarbeiten ist der Untergrund kein gesicherter Risikofaktor.
Warum waren die Kilometer kein Warnsignal?
Weil sie gleich blieben. Ich lief jeden Tag einen Marathon. Verändert hat sich nicht wie viel, sondern wo und wie schnell ich lief.
Welche Daten brauche ich für so eine Auswertung?
GPX-Tracks deiner Läufe, Kilometerdaten mit Pace und Steigung aus deiner Uhr und eine Oberflächenzuordnung, etwa über OpenStreetMap. Wichtig ist ein ruhiger Vergleichszeitraum, gegen den du später misst.
Glossar
- Schienbeinkantensyndrom (MTSS): Medial Tibial Stress Syndrome, belastungsabhängige Schmerzen an der inneren Schienbeinkante; umgangssprachlich oft „Knochenhautentzündung“ oder „Shin Splints“.
- Rollierendes Zeitfenster: Summe der letzten 14, 28 oder 42 Tage, die jeden Tag um einen Tag weiterwandert.
- Flat-Asphalt-Kilometer: Asphalt-Abschnitte auf Kilometern, die COROS als flach einstuft.
- Laufleistung (Power): von der Uhr geschätzte Leistung in Watt; steigt bei gleichem Gelände mit dem Tempo.
- Navicular Drop: wie stark das Kahnbein beim Belasten des Fußes absinkt, ein Maß für die Fußgewölbe-Absenkung.
Quellen & Studien
- Newman P. et al. (2013): Risk factors associated with medial tibial stress syndrome in runners: a systematic review and meta-analysis. Open Access Journal of Sports Medicine 4, 229–241.
- Reinking M. F. et al. (2017): Medial Tibial Stress Syndrome in Active Individuals: A Systematic Review and Meta-analysis of Risk Factors. Sports Health.
- Eigene Daten: Joyce Running Data Lab, Retrospektive Frühwarnanalyse 2026 (COROS, GPX, OpenStreetMap, Apple Health), Stand 07.10.2026.
Weiterführende Inhalte

Joyce Hübner
Joyce Hübner ist Ultra-Ausdauersportlerin, Weltrekordhalterin für die meisten Marathons in Folge und SPIEGEL-Bestsellerautorin. 2023 hat sie Deutschland laufend umrundet: 5.127 km, 120 Marathons in 143 Tagen. 2025/26 lief sie im Städtetrip 459 Marathons in Folge.






