
Dem Praktikant seine Rubrik
Journalismus mit Haltung. Also Seitenstechen. Die Verantwortliche der Seite übernimmt keine Verantwortung für das, was hier passiert. Der Autor „Der Praktikant von Joyce“ und rudimentärer-selektiver Läufer hat Zugang zum Backend. LEIDER.
Mehr über den ÜbeltäterLaufen ist keine Sportart. Es ist eine Glaubensfrage.
Wenn du noch glaubst, Laufen sei bloß Bewegung in Lycra, dann hast du den wahren Sinn dieses Kults noch nicht verstanden. Laufen ist eine Religion. Eine, die weniger mit Vergebung als mit Schmerz, weniger mit Nächstenliebe als mit Pace-Vergleichen zu tun hat. Es ist der stille Glaube daran, dass man durch Kilometer Buße tun und sich irgendwann von seinen inneren Dämonen freilaufen kann. Spoiler: Die laufen mit.
Willkommen in der Kirche des Schmerzes
Während andere sonntags in die Kirche gehen, ziehst du dir Kompressionstights an, schmierst dir Menthol unter die Nase und betest, dass dein Lauf heute nicht wieder mit Erbrechen endet. Dein Tempel ist der asphaltierte Feldweg. Dein Weihwasser: Magnesiumspray.
Und der Altar? Der steht in deinem Strava-Feed. Öffentlich, entblößend, brutal ehrlich: „Sonntag, 33 km, 4:48er Schnitt. Fühl mich leer.“
Amen, Bruder. Amen.
Die Liturgie der Kilometer
Der moderne Läufer beginnt seinen Tag mit einem Ritual:
Wecker auf 5:30 Uhr, Banane, Blackroll, ein Espresso auf nüchternem Magen. Dann das erste Gebet:
„Bitte lass mich heute unter 4:40 laufen.“
Wer braucht noch Religion, wenn man Laktatwerte hat?
Während andere einen Gott suchen, suchen Läufer ihre Stirnlampe. Und wenn sie leuchtet, ist es ein Zeichen: Es ist Zeit. Für Buße. Für Schweiß. Für Tapering.
Glaubenssätze & Heilige Schriften eines Läufers
- Die Kirche: Strava
Der Ort, an dem du dich beichtest – freiwillig, öffentlich und mit GPS-Beweis. Jede Pause dokumentiert. Jede Unehrlichkeit entlarvt. - Die Bibel: Born to Run
Das Buch, das du nie ganz gelesen hast, aber ständig zitierst. Am besten bei Kilometer 34, wenn die Realität sowieso verschwimmt. - Der Heilige Gral: Sub 3 im Marathon
Der verheißene Tempel des Läufers. Du weißt, dass du ihn wahrscheinlich nie erreichen wirst, aber du richtest trotzdem dein Leben danach aus. - Das Opferlamm: Deine Knie
Sie bringen das ultimative Opfer, damit du sagen kannst: „Ich bin Läufer.“ Sie weinen leise, nachts, wenn du wieder einmal mit Eisspray einschläfst.
Und weitere Sakramente der Lauf-Religion
- Die Taufe: Dein erster Halbmarathon.
Mit Startnummer, Panik und fünf Gelpacks zu viel. - Die Firmung: Dein erster DNF (Did Not Finish).
Ein offizieller Ritterschlag: Du bist jetzt wirklich dabei. - Das letzte Abendmahl: Die Pasta-Party am Vorabend eines Marathons.
Kohlenhydratrausch, Gruppenzwang und viel zu viel Knoblauch. - Die Beichte: In der Story nach dem Lauf: „War hart, aber geil.“
- Die Wiederauferstehung: Nach einer Verletzungspause – dramatisch inszeniert mit Sonnenaufgang, Tränchen im Auge und 6:08er Pace.
Die sieben Todsünden des Läufers
- Pause drücken auf der Uhr – Hochverrat!
- Kürzere Strecke als geplant – Feigheit vor dem Split.
- Kein Insta-Post nach dem Longrun – Läufst du überhaupt?
- Laufen ohne Ziel – Ketzerei.
- Wettkämpfe aus Spaß – Was soll das denn bitte?
- Neue Schuhe vor dem Race-Day – Blasphemie.
- GPS nicht geladen – Exkommunikation.
Die Sekte der Zahlenmenschen
Wenn dein Coach mehr über deinen Zyklus weiß als du selbst, deine Uhr dir sagt, wann du schlafen sollst, und du drei Tage nicht läufst, weil WHOOP sagt: „rest“, dann bist du längst kein Freigeist mehr – sondern Teil einer messbaren Sekte.
Man erkennt euch daran, dass ihr in Herzfrequenzzonen denkt und bei jeder roten Ampel die Uhr stoppt.
„Sorry, das ruiniert sonst meine VO2max-Auswertung.“
Der Jüngste Tag: Rennstart 7:00 Uhr
Hier entscheidet sich dein Schicksal. Sub 3 oder ewige Verdammnis.
Deine Mitläufer sind Brüder und Konkurrenten, du hast Gel im Mund, Angst im Kopf und die Hostie ist ein halbes Stück Iso-Riegel.
Der Startschuss fällt. Du beginnst zu rennen. Und zu glauben.
Beichtstuhl Sportuhr
Du willst den Lauf abbrechen – aber deine Uhr schaut dich an wie der enttäuschte Pfarrer nach dem dritten Bier.
„Wirklich? Schon wieder kein Longrun?“
Du löscht heimlich den Lauf.
Du sündigst.
Du schweigst.
Läufermissionare in freier Wildbahn
Sie sehen aus wie du. Sie atmen leicht. Sie sagen Sätze wie:
„Also wenn du einmal das Runner’s High gespürt hast…“
Sie wirken harmlos – doch in Wirklichkeit sind sie hier, um dich zu bekehren. Mit Laufsocken.
Die Beerdigung
Irgendwann ist es so weit: Ermüdungsbruch.
Der Fuß trägt dich nicht mehr.
Du liegst auf der Couch, umgeben von Eisbeuteln und Selbstzweifeln.
Und selbst jetzt denkst du:
„Vielleicht geht ja Schwimmen.“
Missionierung: Wie du andere vom Laufen überzeugst
Ganz einfach: Rede ständig darüber. Poste Screenshots. Schenke Leuten Stirnlampen. Zitiere Born to Run auf Parties.
Und wenn jemand sagt: „Ich hasse Laufen“, dann flüstere:
„Du hast es nur noch nicht richtig gespürt.“
Amen. Und weiterlaufen.
Diese Religion kennt keinen Sonntag. Kein Sabbat. Keine Pause.
Nur deinen Körper. Und den nächsten Split.
Und falls du doch mal zweifelst – öffne Strava.
Denn Glaube heißt:
Immer weiterlaufen.
Liebe Läufer und Gläubigen, nehmt das bitte nicht zu ernst, ich mag euch ja!!!! Und jetzt weiterlaufen...
In läuferischer Liebe
Der Praktikant

